Sportsmanship

Es mag sein, dass es an meinen oft antizyklischen Laufzeiten liegt, aber ich werde mittlerweile kaum noch überholt. Ganz besonders nicht während eines meiner berühmten “lockeren Kurzstreckenläufe” um die Kemnade, die eigentlich schon ab Kilometer 1 völlig eskalieren; wenn es aber doch so einen Spaß macht!

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Neulich lief ich also bereits mit einem Schnitt unter 4:30 am Freizeitbad vorbei; die Uhr meldete, dass ich Kilometer drei absolviert hatte. Kurz vor der Brücke machte sich ein Läufer mit Rucksack warm, der aufmerkte, als ich auf seiner Höhe ankam. Wir grüßten uns; es war ihm anszusehen, dass er zu den ganz schnellen gehörte. Ich überquerte die Brücke in Richtung Hafen, vorbei am kaum bevölkerten Stranddeck und überholte einige andere Läufer. Auf der langen Geraden kurz vor dem Schutzhäuschen, das auf halber Höhe zu den Seeterrassen am Wegesrand steht, sah ich, wie in einiger Entfernung vor mir ein Läufer eine langsamere Läuferin überholte. Jeder Überholende freut sich innerlich ein kleines Bisschen, jemand anderen zu überholen, dachte ich mir. Na warte, es wird Dir einen Dämpfer verpassen, wenn ich gleich an Dir vorbeiziehe! Kaum einige Sekunden später sah ich, wie der Rucksackläufer plötzlich neben mir auftauchte: leichtfüßig ließ er mich stehen, als liefe ich gerade nicht einen 4:25er Schnitt, sondern flanierte mit einem Eis ein wenig entlang der Uferpromenade. Nicht nur das reine Überholtwerden, sondern auch die Ironie dieser Situation, gerade sozusagen meta-überholt worden zu sein, gaben meinem Hochmut einen ordentlichen Kinnhaken. Während ich noch doof aus der Laufwäsche guckte, entfernte sich mein Peiniger Schritt für Schritt von mir. Aber so nicht! Das würde ich nicht auf sich beruhen lassen! Ich nahm die Verfolgung auf; mal sehen, wie lange ich durchhalten würde. Spätestens am Wehr rechnete ich damit , dass unsere Wege sich trennen würden, denn ich wollte den Weg über die Kemnader Straße nehmen. Auf dem folgenden Kilometer hatte ich hart kämpfend die Entfernung wieder leicht verringern können, aber näher, als auf 30-40 Meter kam ich einfach nicht an ihn heran.
Am Wehr angekommen, machte er keine Anstalten, auf die kleine Runde abzubiegen – das Rennen würde also weitergehen. Ich wusste noch nicht, ob ich das gut finden sollte, denn ich lief hart am Limit; direkt vor uns lag der Aufstieg auf die Kemnader Straße. Gegen meine Erwartung konnte ich an der Steigung etwas aufholen, verlor jedoch auf der Brücke gleich wieder einen Teil des gewonnenen Bodens. Der Puls war deutlich angestiegen und die Muskeln in den Beinen schrien um Gnade, so dass ich die ersten Hundert Meter leicht vom Gas gehen musste. Dass meine Beine schnell wieder regenierten, nährte meine Zuversicht jedeoch.
An der Abbiegung auf den Parkplatz von “Haus Kemnade” schaute er sich nach mir um. Das befeuerte zwar meinen Eifer, doch anscheinend seinen im gleichen Maße, so dass wir auch weiter unter 4:20 liefen, nachdem wir das Gefälle der Brücke hinter uns gelassen und wieder ebenen Boden unter den Füßen hatten. An der Abbiegung auf den Fußgängerweg kurz vor dem Kiosk schaute er sich erneut um. Wir waren so schnell unterwegs, dass ich glaubte, bald abreißen lassen zu müssen, denn immerhin hatte ich noch sechs Kilometer vor mir, aber ich wollte nicht aufgeben. Als Verfolger muss man Geduld haben. Ich lief hart am Limit, aber das wusste der Andere natürlich nicht. Einige hundert Meter später nutzte er eine engere Kurve, um wieder hinter sich zu blicken und ich winkte und zeigte ihm das Daumen-Hoch-Zeichen. Ja, ich bin noch da! Ich war noch nicht wieder an ihm dran, kam aber langsam näher. Wir rannten weitere zwei Kilometer mit hohem Tempo weiter – Kilometer 10 und 11 schlugen mit 4:18 und 4:17 zu Buche -, dann nahm er das Tempo raus und ich zog neben ihn. Wir stoppten unsere Musik, tauschten Komplimente aus und liefen die restlichen zwei Kilometer bis zu meinem Ausstiegspunkt gemeinsam. Wie sich herausstellte, hatte ich ihn genauso getriggert, wie er mich. Obwohl jeder von uns beiden eigentlich einen lockeren Lauf zu absolvieren geplant hatte, hatten wir uns gegenseitig zur Höchstform getrieben und waren mit großem Respekt für den jeweils Anderen gegeneinander angetreten – eine schöne Anekdote über Sportsgeist und wie ich meine bisherige Bestzeit über 14km (immerhin 1:03:06 und somit eine 4:28er Pace) aufgestellt habe!

2 Replies to “Sportsmanship”

  1. Das kommt mir irgendwie bekannt vor 😀 Ich freue mich auch immer wieder, wenn ich mal jemanden unterwegs treffe, der in etwa das gleiche Niveau hat. Sich da zu beherrschen fällt eher schwer 😉 Bei einem meiner Fahrtspiele (1-3-5-3-1min) mit Trabpausen dazwischen, bin ich an einen herangesprintet, der wahrscheinlich gerade knapp unter einer 5er Pace unterwegs war. Ich also wieder vorbeigezogen und nach ein paar Minuten hat er mich langsam wieder eingeholt. Ich muss sagen wir haben uns doch sehr vernünftig verhalten, aber ich war wenigstens in der Position, dass ich sprinten durfte. Das fiel ihm dann auch irgendwann auf, wir haben uns kurz unterhalten und er hat mir erzählt, dass er gerade seinen 35km Longrun macht. Ich finde es aber dennoch viel zu selten, dass man solche Leute mal trifft. Die meisten überholt man tatsächlich, am besten noch am Berg, locker grüßen, lächen und überholen… 😀

    1. Das war ein wirklich tolles Erlebnis, da sieht man auch mal, wie viel noch in einem steckt.
      Es ist wirklich krass, was so mancher schafft, beim diesjährigen WHEW ist der Sieger die 100km in 4:30er Pace gelaufen! Auf 30 gelingt mir ein Tempo unter fünf aber mittlerweile auch schon, da habe ich mich mittlerweile bis auf 4:48 vorgekämpft. Das nächste Ziel ist jetzt, schnelles Laufen mit auf die 50km zu nehmen, in Rodgau wäre ich gern schon nah an der Fünf, das kann dem 100-Meilen-Ziel ja durchaus auch guttun. Bist Du auch wieder in Rodgau?

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