WHEW 100 – wenn alles stimmt

Das Training

Fachwissen und Training sind nur die halbe Miete, sagt man ja so gerne, der Rest ist Erfahrung. Und immer wieder müssen wir erfahren, dass dieses geflügelte Wort Gültigkeit besitzt. Bereits bevor ich den WHEW 100 hinter mich gebracht hatte, war mir dieser Umstand sehr bewusst.

In einer Sportart, die die Grenzen von Körper und Geist manchmal bis ins Unerträgliche verschiebt, ist die Erfahrung mit uns selbst oft das Einzige, was uns als Richtschnur dienen kann, besonders, weil wir oft unsere ganze Persönlichkeit in die Waagschale werfen müssen, um das auszuhalten. Dazu gehört aber nicht nur, die sportliche Höchstleistung auszuhalten und eine Weile ein wenig Licht an einen sehr dunklen Ort bringen zu können; Verletzungen, Ausfälle und ganz besonders der Neustart nach Wochen oder Monaten Zwangspause sind eine harte Prüfung für jeden Ultraläufer.

So ging es auch mir, als ich Mitte Januar nach sechs Wochen totalen Laufverzichts endlich wieder auf die Piste durfte. Die ersten zwei Wochen waren ernüchternd: mir gelang keine Distanz mit einer Pace unter 5:00 und die 30 schaffte ich gerade so in 5:30. Der Trainingserfolg ließ 14 Tage auf sich warten. Ich war frustriert, doch meine neue Arbeitsstelle am Phoenixsee bewirkte recht schnell, dass ich trotz ambitionierten Pensums und stürmischen Wetters diszipliniert und eisern meine Kreise zog. Ganz anders sah es allerdings bei den avisierten Ultradistanzen aus: bis April hatte ich anstelle einer stufenweisen Steigerung über mehrere Wochen erst einen Lauf über 40km absolviert, denn an den übrigen Wochenenden kamen mir Terminkollisionen oder andere Probleme dazwischen, oder das Wetter war so mies, dass ich mich einfach nicht mobilisieren konnte, 50 oder mehr Kilometer im Kreis zu laufen.
So musste ich also auf die letzten Gelegenheiten und mein Pensum unter der Woche bauen und das Beste hoffen. Es lief ja eigentlich auch, denn unter der Woche lief ich hin und wieder zwei 30er und insgesamt 88 Kilometer, während meine Durchschnittspace auf 30 sich langsam wieder in Richtung 4:30 bewegte – ich wurde jede Woche schneller.

Am ersten Aprilsonntag riss meine Pechsträhne dann endgültig ab und es gelang mir, bei recht warmem Wetter und bester Begleitung einigermaßen locker die erste Ultradistanz des Jahres zu absolvieren. Die knapp 70 Kilometer wurden nur auf den letzten fünf ein wenig zäh. Nun würden noch maximal drei Wochenenden für weitere Langdistanzen zur Verfügung stehen. Aus Zeitgründen entschied ich mich, die zweite Aprilwoche zur Regeneration zu nutzen und setzte den nächsten langen Lauf für Karfreitag an. Wieder konnte ich Mitstreiter gewinnen und Basti lief nebenbei seinen ersten 50er mit eiserner Disziplin. Trotz der ungewohnten Wärme lief der Tag richtig gut für mich: ich lief die 74 Kilometer ziemlich locker und vor allem ohne Flüssigkeits- oder Magenprobleme durch. Der Körper war bereit, da war ich sicher. Ich verzichtete auf einen weiteren Trainingsultra und lief lieber ein paar kürzere Distanzen in langsamerem Tempo.

“Confidence, Resilience and Faith”

Nachdem mein Körper mir also seine Bereitschaft zur Mitarbeit signalisiert hatte, merkte ich, wie Zweifel, Unruhe und der Druck der Ungewissheit von mir abfielen. Dennoch war ich mir vollkommen ungewiss, was beim WHEW abrufbar sein würde. Dass ich aber die 100 Kilometer schaffen würde, erschien mir vollkommen sicher. Ich ruhte vollkommen in mir. Nie zuvor war ich am Vorabend eines Ultras derartig entspannt und ausgeglichen. Ich packte meine wenigen Utensilien in meinen Laufrucksack, warf ein paar wärmere Sachen für den Heimweg in meine Tasche und legte mich ins Bett. Nicht mal die Tatsache, dass Caro dieses Mal wegen des schlechten Wetters nicht dabei sein würde, konnte mich beunruhigen. Ich würde das auch alleine schaffen.

Der WHEW

Nach mindestens sieben recht erholsamen Stunden Schlaf klingelte gegen fünf Uhr der Wecker. Ich packte mein Zeug, tat, was ein Ultraläufer eben tun muss (Pro-Tipp: man spart Zeit, wenn man direkt auf dem Klo frühstückt) und machte mich mit allem Sack und Pack auf den Weg nach Wuppertal. Draußen erwarteten mich knappe drei Grad Außentemperatur, was sich gar nicht so kalt anfühlte. Ich hatte auf eine Höchsttemperatur von etwa zwölf Grad spekuliert und dachte, dass mein Thermoshirt vielleicht schon zu warm werden könnte. Als ich 20 Minuten später auf die A46 fuhr, lag Schnee und ich war mir nicht mehr sicher, ob das Themroshirt allein ausreichen würde. Ich beruhigte mich aber schnell wieder und legte die letzten Kilometer zu meinem Fahrtziel zurück. Im Parkhaus tummelten sich schon zahlreiche Gestalten mit Laufrucksäcken; hektisch wurden Fahrräder mit Taschen bestückt und dann alles in Richtung Mirker Bahnhof bewegt. Die rund 900 Meter ging nicht ganz ohne Aufregung, aber voller Zuversicht. Ich lag gut in der Zeit und betrat den schon gut belebten Platz an der Trasse gegen 6:30. Schon sah ich liebe Gesichter, wohin ich auch blickte. Das mag ich so am Ultraläuferdasein: man ist Teil einer großen Familie, jedes Rennen fühlt sich deswegen ein bisschen wie eine Heimkehr an.

Start und erstes Viertel

Bewaffnet mit meiner Startnummer (198) und um meine Zieltasche erleichtert, trat ich wieder aus dem Bahnhofsgebäude und ging auf die Suche nach all den Leuten. Ich begegnete der Erdnussbutter-Crew, lernte Ludwig zum ersten Mal persönlich kennen und fiel bald darauf Schluppi in die Arme, der bester Laune und hochmotiviert war. Marina war nicht weit und auch Thomas, Jens Harder, Fredo, Sven und so viele andere bekannte Gesichter tummelten sich unter dem Startbogen.

Nach kurzer Ansprache war es dann auch endlich soweit: wir zählten die berühmten zehn Sekunden herunter und liefen los, zunächst wie gehabt in einer kleinen Schleife gegen die eigentliche Laufrichtung. Ich lief zunächst für mich alleine und winkte nach dem Wendepunkt vielen Bekannten zu. Ein Blick auf die Uhr offenbarte eine glatte Sechser-Pace. Super, so kann ich eigentlich durchlaufen, dachte ich so bei mir, als mir plötzlich Jens Tekhaus auffiel, der mich gerade auf der anderen Seite der Trasse überholte. Ich “schwamm” direkt neben ihn und tippte ihm auf die Schulter. Jens wollte die 10:50-Marke unterbieten. Das passte so gar nicht zu meinem defensiven Ziel, einfach mal locker auf Ankommen zu laufen und am besten die Zeit von 2018 (11:15) leicht zu unterbieten. Ich dachte mir, dass es bekloppt sei, mitzuhalten, doch ich fand schnell in Jens’ Tempo und wir liefen 5:20-5:40/km. Ob das nicht ein wenig schnell sei für sein Ziel, fragte ich Jens und er antwortete “Definitiv!”. Die Feststellung schwebte eine kleine Weile zwischen unseren Köpfen, bis der Wind sie leise davontrug. Eine Auswirkung auf unser Laufen hatte sie auf jeden Fall nicht. Aber es war ja dennoch gut, dass wir mal darüber gesprochen hatten. Im Laufe der nächsten Kilometer stieß Adrian zu uns und komplettierte unser Trio. Dass Adrian für Stunden mit uns laufen und Jens und ich uns im Grunde gar nicht mehr trennen würden, konnte ich zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht wissen. Irgendwo in meinem Hinterkopf keimte die Hoffnung auf, dass im Ziel eine Zehn auf der Uhr stehen würde.

So liefen wir kalauernd auf den höchsten Punkt des ersten Viertels. Von hier, etwa bei Kilometer 20, ging es über die Panoramatrasse hinab in Richtung Ruhr. Die Trasse beschrieb einen Bogen um Velbert, wo das erste Viertel des Rennens auf einer schnöden Zeitmessungsmatte sein Ende fand. Ganz unspektakulär und für uns zunächst ohne Konsequenzen, hielt sie doch fest, dass wir nach 2:22:03 dort vorbeigekommen waren.

Lachend in den Untergang

Die folgenden fünf Kilometer hatten wir weiterhin unseren Spaß, scherzten mit den Begleitrad-Fahrern über unsere geistige Verfassung und liefen in leicht wahnsinnigem Bergab-Tempo um 5:30. Noch dachte ich, es könnte kaum wahnsinniger werden. Am VP bei Kilometer 30 gingen wir schon mal weiter, während Adrian noch am VP zugange war. Mit vollem Mund lobte ich die IKEA-Kekse mit Schoki, die ich gerade aß und fügte nach kurzem, beiderseitigem Schweigen hinzu, dass er mich verstehen müsse, er habe schließlich auch den Mund voll: “Bu mufft miff perpehn, Bu hafft auf dem Mump poll!” Jens blickte mich sowohl fassungs-, als auch verständnislos an und nach zwei Sekunden mussten wir lachen, ich Kekskrümel ausprustend. Einen Moment später kam Adrian wieder dazu und wir liefen weiter, völlig unfähig, ihm die Komik der Situation zu erklären.
Wir ließen das schöne Hetterscheid, das für mich für immer aus einer Autowaschanlage und einem DLRG-VP bestehend wird, hinter uns – jetzt sollte der Tempo-Wahnsinn erst beginnen, den wir waren fröhlich und ließen auf dem Gefälle der Panorama-Bahn einfach rollen, was zur Folge hatte, dass wir die nächsten acht Kilometer mit einer Pace zwischen 5:14 und 5:20 liefen, fröhlich darüber redend, dass das ja viel zu schnell sei. Wir sahen in der Ferne den Viadukt auftauchen und hatten ihn gefühlt nach Minuten schon unter den Füßen. Hier hatte die Strecke ihren Namen “Panorama-Trasse” nun endgültig verdient!

Als wir die Trasse verließen und die Unterführung zur Hauptstraße ansteuerten, fing es an zu graupeln. Wir waren ganz froh darüber, denn im Gegensatz zu Regen machte der Graupel bei weitem nicht so nass. Wir kamen jetzt nach Kettwig, in jenes hübsche Örtchen, das schon seit 1975 durch den bösen Essener okkupiert ist. Hier überquerten wir den besten aller Flüsse und schlugen sogleich den Weg das Ufer entlang in Richtung Hattingen ein. Nach der langen Flussbiegung erwarteten uns sowohl der Kilometer 40, als auch der nächste VP. Wie immer seit dem Start griffen wir bei Essen und Getränken zu und waren nach zwei Minuten schon wieder auf dem Weg. So verloren wir auf dem nur wenig Zeit, immer etwa ein bis zwei Sekunden bei der Durchschnittspace. Die war nach unserem Sprint ins Ruhrtal auf 5:34 gefallen und nach dem VP bei 5:36 angelangt. Es hätte schlimmer sein können. Nun lagen 30 flache Kilometer durch das Ruhrtal vor uns. Diese Abschnitte mag ich nicht sonderlich, da ich besonders den Teil vor dem Baldeneysee oft nur im Rahmen von Ultras gelaufen bin. So liegt hier in meinen Augen viel Schmerz links und rechts der Strecke.

Schweigen und Reden

Mein inneres Navigationssystem war wieder auf den nächsten VP eingestellt, der – knapp zehn Kilometer entfernt – am Baldeneysee auf uns wartete. Auf dem enger werdenden Weg durch die Kettwiger Ruhrauen erstarb unser Gespräch und wir liefen schweigend und in uns gekehrt. Jens wirkte angestrengt, auch mir tat so langsam der eine oder andere Muskel weh und Adrian ließ nur das witt-witt seiner aneinanderreibenden Regenhosen-Beine verlauten. Überhaupt, wie war der Mann eigentlich angezogen? Da es jetzt sonniger war, hatte er seine Regenjacke weit geöffnet, trug über einer Laufhose noch besagte Witt-witt-Regenhose und lief jetzt schon seit vier Stunden in Salomon XA Po 3d neben mir her, das sind die 40-Tonner unter den Laufschuhen, geeignet für Polarwanderungen an den milderen Tagen oder den einen oder anderen veritablen Schritt durch einen Gebirsgbach. Meine löchrigen Altra Duo dagegen hatten zwar bereits nach 100 Kilometern ihre strukturelle Integrität eingebüßt, glänzten dafür aber mit ihren 260 Gramm bei Schuhgröße 48. Wie gut ich es mal wieder hatte, jetzt, wo wir uns alle drei schon an das nervtötende Quietschen meines linken Schuhs gewöhnt hatten!
Die Sonne hatte nun endgültig die Oberhand gewonnen und ich wog ab, ob es sinnvoll wäre, das Thermoshirt loszuwerden, um nicht zu überhitzen. Ich hatte nicht so recht Lust auf die ganze Fummelei – zudem die regelmäßig vorbeiziehenden Wolken und der Wind unsere Hände recht schnell kalt werden ließen – ein Zeichen dafür, wie stark die Temperatur jederzeit wieder sinken konnte. Ich hielt den leichten Wärmestau also aus und bemühte mich, ihn mit etwas mehr Flüssigkeit zu kompensieren, ein insgesamt erfolgversprechender Ansatz, der mich vor allem beruhigte (und das ist das Wichtigste bei allen Herausforderungen, die während eines Ultralaufes aufkommen).
Wir liefen in offener Formation, Jens einen halben Schritt zurück, Adrian einen halben vor mir. Er wirkte seit einiger Zeit ein wenig angestrengt und wortkarg. Ich feuerte ein paar Kalauer ab, was entweder die Stimmung etwas auflockerte, oder wenigstens den Schmerz für eine Weile verlagerte und so für etwas Abwechslung sorgte. Fest stand: irgendwas tut weh, das würde es von jetzt an, kurz vor der Hälfte des Laufs, auch dauerhaft tun.

Vor uns tauchte Werden auf. Wir erklommen das große Brückenbauwerk und querten den Fluss. In meinem Kopf war wieder ein Abschnitt abgehakt und ein Stück des Weges absolviert, mit dem ich viele dunkle Momente verbinde. Derartige Abschnitte erfüllen mich immer mit Unwillen, obwohl sie objektiv betrachtet eigentlich sehr schön sind.
Nun aber bewegten wir uns auf den Baldeneysee zu, wo wir zwischen den Kurzstreckenläufern wie ein Schwarm Ufos wirken würden. Wir liefen schweigend auf dem Pfad, der von der Werdener Brücke wegführte. Der Schmerz in meinen Muskeln war nun nicht mehr wegzudiskutieren – und doch: es fühlte sich gut an! “Macht echt Bock, mit Euch zu laufen!” sprach ich mein Gefühl laut aus. Adrian und Jens ging es ähnlich und wir liefen schweigend, aber beschwingt weiter. Dann flogen wir drei Ufos an der Brücke vorbei. Der See hatte uns in seinen Bann geschlagen. Auf dem Weg zum Haus Scheppen bekamen wir ständig Applaus von den Wissenden und irritierte Blicke von den Unwissenden. Kurz vor dem VP begegnete uns Birger, der heute als Support seine Kilometer sammelte und uns mit seiner guten Laune ansteckte. Am VP überschritten wir nach etwas mehr als 4:40 die Zeitmessungslinie, bedienten uns am gewohnt reichhaltigen Buffet und liefen weiter. Nach wie vor verloren wir an jedem VP ein paar Sekunden in der Durchschnitts-Pace, hielten diese aber während des Laufens. Wir hatten eben erst die 5:41 überschritten, als wir uns auf den Weg nach Heisingen machten. Hinter uns, über dem See, zogen bedrohliche, schwarze Wolken auf. Zum Glück zogen sie in südöstliche Richtung davon und wir bekamen nur einen kurzen Schauer ab, der uns nicht weiter störte. Während wir in Richtung Heisinger Ruhrauen liefen, schien schon wieder die Sonne. Wieder verbrachten wir unsere Lauferei teils schweigend, teils redend miteinander, doch der Schweigeanteil war inzwischen deutlich größer geworden. Wir kämpften ein wenig, hatten Schmerzen und haderten insgeheim mit uns selbst, wie weit es noch sei, doch – und das sprach ich laut aus – genau so sollte es sich nunmal anfühlen, wenn man mehrere Stunden in einem vergleichsweise hohen Tempo gelaufen ist. Wie Grönemeyer singt: “Es ist okay/ es tut gleichmäßig weh”.

Wir überquerten die “böse Brücke” mit dem schönsten schmerzhaften Ausblick, den man auf der Strecke nur haben kann. Auf dem Höhepunkt des Brückenbogens stand eine indische Familie und fragte uns, die wir jammernd die Brücke erklommen, wie weit wir laufen würden. Jens entlockte der Familie mit seiner wahrheitsgemäßen Antwort anerkennende Worte, die uns Weiterlaufenden noch hinterhergerufen wurden. Doch wir waren mit dem Kopf schon wieder auf dem Weg, immer unseren Beinen hinterher, erklommen wenig später nach einer erneuten Salve Kalauer die Steigung hinauf zur Straßenkreuzung, um gleich wieder (und ebenso schmerzhaft) hinab zur “Zornigen Ameise” zu laufen. Wir kämpften uns durch das übliche Verkehrschaos, das hier herrschte und bogen in Richtung Steele ab – der nächste VP am Bar Celona kam in Sicht. Wieder stärkten wir uns nur kurz, füllten die Flaschen auf und liefen weiter in Richtung Hattingen, mit sieben Kilometern zum nächster VP in Bochum Dahlhausen. Hier würde der Radweg wieder sehr eng werden, doch dank des eher durchwachsenen Wetter sah ich das nicht allzu kritisch, bislang war die Radfahrerquote eher gering gewesen. Wir überquerten die Ruhr in Steele und liefen auf dem schalen Weg direkt am Fluss weiter. Schnell erreichten wir die Brücke am bunten Strommasten. Es war anstrengend, aber schön und ich genoss die Aussicht. während wir die Horster Mühle passierten.

Unsere Gespräche kamen sporadisch, konnten aber bei gutem Thema auch wieder ein paar Minuten andauern. Wir hielten uns aneinander fest (bildlich gesprochen, wenn wir das wirklich gemacht hätten, wären wir sehr schlecht vorangekommen). Nach schier endlosem Laufen kamen wir nach Dahlhausen. Am Kopf der Schwimmbrücke wartete der VP auf uns, den wir wie immer ausgiebig nutzten, jeder nach seinem Geschmack. Auf einem Stuhl saß Thomas Kühnen, der uns beim Start davongerannt war, weil er die 10 Stunden knacken wollte. Er hatte unterwegs Probleme mit dem Fuß bekommen und konnte nur schlecht laufen. Ich klopfte ihm auf die Schulter und er wünschte uns viel Erfolg. Wir liefen weiter, inzwischen, nach fast 70 Kilometern, mit ein wenig mehr Widerwillen. Nächster Halt: Hattingen. Mein Blick ging zur Uhr. Die Pace lag bei 5:50, wir waren nach wie vor auf Sub-10-Kurs. So langsam kam mir der Gedanke, diese Zeit halten zu können nicht mehr so abwegig vor. Entschlossenheit machte sich in mir breit. Adrian meinte, er wolle die 10 definitiv angreifen und werde ein wenig schneller laufen. Wir verabschiedeten uns und wünschten einander noch viel Erfolg.

Zurück auf die Trasse!

Am Scheitelpunkt der Ruhrschleife verließen wir den Ruhrtalradweg und erklommen den steilen Anstieg hoch zur Straße, ein wenig quengelnd, aber bald wieder laufend. Untenrum war es mir auf den letzten Kilometern immer wieder erschien, als würde ich die Toilette auf dem Sportplatz auch dieses Jahr wieder in Anspruch nehmen müssen. Das erfüllte mich mit Widerwillen, denn ich wollte Jens’ Gesellschaft und meine Sub-10-Hoffnungen ungern aufgeben. So beschloss ich, spontan zu entscheiden. Als wir auf den Sportplatz liefen und am VP anlangten, entschied ich mich dafür, weiterzulaufen. So schnauften wir nach kurzer Rast den Berg hinauf, bis wir kurz vor dem Mundloch des Schulenbergtunnels die Trasse erreichten. Ich war ein wenig durch und Jens hielt mir einen Vortrag mit “Veganer Propaganda” wie er es nannte. Ich fand das durchaus interessant, doch begann ich nun, ein wenig zu leiden und wurde immer einsilbiger.

Bergbahnfeeling

Nun, kurz vor Kilometer 80, lösten sich die Bande zwischen Jens und mir ein wenig. Wir liefen mit einigen Metern Abstand auf den VP vor der Baustellenumleitung in Sprockhövel zu, als plötzlich Caro neben mir auftauchte. Sie hatte sich wegen des guten Wetters entschieden, mich auf der Strecke abzufangen und mich hier, einige Meter vor dem VP, eingeholt. Ich freute mich sehr, sie noch für das letzte Fünftel bei mir zu haben und nicht mehr selbst mit den Trinkflaschen hantieren zu müssen. Die Pace war inzwischen weiter leicht in Richtung 6:00 gestiegen und ich würde jede Unterstützung brauchen können. Mit Caro hatte ich eine routinierte Begleiterin an meiner Seite, die es gewohnt war, auch mal ein wenig Gegrummel abzubekommen.

Ich stellte Jens und Caro kurz einander vor und wir liefen weiter. In einer Art stillem Einverständnis liefen wir nun zwar in Reichweite zueinander, doch nur, weil unser Tempo noch korrespondierte. Ich hatte auf dem ersten Kilometer Mühe, mit Jens mitzuhalten, doch sehr bald merkte ich, wie ich in Schwung geriet. Ich zog wieder an ihm vorbei, doch er blieb zäh an mir dran. Eine Gruppe Staffelläufer hatte sich kurz zuvor zu uns gesellt, doch ich merkte nach einigen Minuten, wie mir deren Tempo zu langsam wurde. Ich zog leicht an und fühlte mich so wohl, wie das nach fast 90 Kilometern mit einer Pace um sechs eben geht. Ich lief teilweise sogar unter sechs, während wir weiter die Trasse hinaufkletterten. Staffelläufer und Run’n’Biker einzusammeln, machte die Sache nicht unbedingt schwerer für mich. So langsam war es nun auch nicht mehr weit bis zum Scheitelpunkt der Steigung am Bahnhof Schee. Wenn ich hier noch unter sechs ankommen würde, das wusste ich, hatte ich so gut wie gewonnen. Schon kam die vorletzte Straßenkreuzung in Sicht und vor uns tauchte ein Einzelläufer auf. “Das ist geil”, sagte ich zu Caro, “wenn wir jetzt Einzelläufer überholen, bringt mich das natürlich voll nach vorne!” Einen Augenblick später erkannte ich, dass es Adrian war, auf den wir da aufliefen.
Wir kamen an ihn heran, grüßten uns und er bat Caro sehr freundlich, doch seine Regenjacke einzustecken. Ohne sein Gepäck fühlte er sich gleich sehr erleichtert, doch mit meinem Tempo, das musste er nach kurzer Zeit einsehen, kam er nicht mehr mit. Das war schade, aber ich hoffte, dass er sein Ziel noch erreichen würde. Nur wenig später kam die letzte Straßenkreuzung in Sicht. Wir kamen ohne Halt herüber; jetzt waren es nur noch ein paar hundert Meter bis zum Ende der Steigung. Oben angekommen, wartete der VP am Bahnhof Schee auf uns. Ich sah, das Jens nur ein paar hundert Meter hinter uns gewesen war und wartete kurz auf ihn. Wirklich lange hielten wir uns beide nicht am VP auf. Wir wollten das Ding jetzt zu Ende bringen.

Das unmögliche wird möglich

Die Uhr zeigte eine Durchschnittspace von 5:57 an. Es würde also knapp, aber denkbar. “Jetzt wird das Unmögliche greifbar!” rief Jens aus, während wir in die Bergabstrecke durchstarteten. Wir liefen gemeinsam in den langen Scheer Tunnel ein. Etwas geschah mit mir, die Lichter gingen an, die Maschine kam unter Dampf. Und der Kopf wollte. So lief ich im Anschluss an den Tunnel größtenteils unter 5:30. Das tat weh und ich war mir nicht sicher, ob ich das Tempo würde durchhalten können, doch irgendwas trieb mich dazu, alles auf die Sub-10 ausgerichtet. Ich begann zu stöhnen, erst leise und ab und an, dann durchgehend. Als der letzte Zehner angebrochen war, hielt ich laut stöhnend meine Pace. Kurz vor dem letzten VP bat ich Caro, dort zu halten und mir meine Flasche mit Cola zu füllen. Ich selbst lief weiter, musste allerdings eine halbe Ewigkeit an der nächsten Ampel warten. Gemeinsam mit Caro und Jens ging es dann endlich weiter und wir liefen durch ein Wohngebiet wieder auf die Trasse, die wir bis zum Ziel nicht mehr würden verlassen müssen. Nach ein paar Minuten kamen meine müden Muskeln wieder in Schwung, genau wie mein lautes Stöhnen. Ich kam wieder unter 5:30, teilweise sogar unter 5:20. Warum ich so stöhnte, fragte Caro besorgt, ob mir etwas fehle. Ich verneinte gelassen, verfiel allerdings wieder in mein Stöhnen. Warum eigentlich? Ich horchte in mich hinein: das schnelle Tempo war wesentlich angenehmer zu laufen, als das langsamere zuvor, unten an der Ruhr und auf der Trasse hoch nach Schee. Schmerzen verspürte ich also eigentlich kaum. Es war eher die Anstrengung, die sich da Bahn brach. Aber so wirklich schlimm, dachte ich mir, fühlte sich eigentlich nichts an. Das hohe Tempo sorgte dafür, dass die letzten Kilometer wesentlich schneller vorbeigingen, als ich mir gedacht hatte. Zudem kamen bei Kilometer 97 einige Staffel- und Einzelläufer in Sicht, die ich mit einigem Geschwindigkeitsvorsprung überholte. Dass das gut für den Kopf war, brauche ich wohl nicht zu erwähnen.

9:50:13

Dann brach der letzte Kilometer an. Meine Uhr hatte bis zuletzt ziemlich genau 400 Meter mehr angezeigt, als die offiziellen Kilometermarkierungen, so dass ich einen guten Überblick hatte, wie weit es noch sein würde. In der Ferne kam der Mirker Bahnhof in Sicht und ich zog nochmal ein kleines Bisschen das Tempo an. Die 9:xx war sicher! Mittlerweile konnte ich schon darum kämpfen, dass es eine 9:4x werden würde – unfassbar! Schon kam der erst Jubel auf und wir bogen um die Kurve. Es würde ganz knapp nicht für eine Vierziger-Zeit reichen, aber das war reichlich egal angesichts des hervorragenden Ergebnisses! Bei 9:50:13 lief ich über die Ziellinie, gleich in Empfang genommen von so vielen lieben Menschen! Ich jubelte und plötzlich stand Henning neben mir, den ich schon lange nicht mehr gesehen und der heute den 10er gerockt hatte. Ich umarmte ihn herzlich, wie auch Daniel und natürlich Caro. Was ein Ding! Auch Jens, der etwa vier Minuten auf mich verloren hatte, fiel ich um den Hals und dankte ihm für den ziemlich genialen Lauf!
Ich nahm bei den Erdnussbutterleuten Platz und quatschte mit Ludwig und Daniel. Caro kam mit einem Bier und einer Wurst zu mir und wir aßen und Quatschten gemeinsam, fachsimpelten und tauschten unsere ersten Eindrücke aus. Ich war froh, dass Caro statt meiner gleich den knappen Kilometer zum Parkhaus gehen würde, denn bereits den Weg zum Bahnhofsgebäude, wo ich meine Tasche einsammeln wollte, ging ich wie ein Pinguin. So watschelte ich durch die Kolonie erschöpfter Ultralauf-Pinguine, zog mir etwas trockenes über und wartete bei Ludwig auf Caro. An der Straße verstauten wir das Fahrrad im Kofferraum und fuhren heim. Eine lange, heiße Dusche und eine Bestellung beim Pizzadienst warteten auf uns…

Unerwartet, aber gut

Obgleich das Training superknapp angelegt war, war der WHEW für mich ein durchschlagender Erfolg – ich habe meine Bestzeit vom Vorjahr um eine Stunde und 25 Minuten unterbieten können.
Neben einer guten Tagesform und genau dem richtigen Taperingprogramm dürfte auch das sehr kühle Wetter zu diesem Erfolg beigetragen haben, denn es war 10-15 Grad kühler als im Vorjahr. Gut war auch, dass ich fast durchgehend mit Jens und Adrian laufen konnte. In einer kleinen Reisegruppe leidet es sich dann doch ein wenig leichter. Der Lauf war zwar schon kurz vor der Hälfte einigermaßen mühevoll, aber dennoch würde ich sagen, dass wir das ungewohnt hohe Tempo dennoch einigermaßen locker durchliefen. Besonders zufrieden bin ich mit den extrem starken letzten 13 Kilometern. Bergab habe ich nochmal richtig Gas gegeben und auch in der Ebene ein hohes Tempo halten können.

Wie die Werte zeigen, war ich ziemlich kontinuierlich unterwegs und habe die Belastung bis zum Ende gut durchhalten können. Die Herzfrequenz war durchgehend stabil und lag in einem für mich sehr guten Belastungsbereich – und das trotz des vergleichsweise hohen Tempos. Insgesamt eine ermutigende Bestandsaufnahme für die 100 Meilen von Berlin! Zuvor werde ich beim Kölnpfad auf der 110-Kilometer-Strecke einen letzten Test wagen – ich freue mich auf diesen Sommer!

5 Antworten auf „WHEW 100 – wenn alles stimmt“

  1. Danke für den ausführlichen Rennbericht. Es macht eine Freude ihn zu lesen. Glückwunsch zu deinem Lauf. Es ist ein segenhafter Zufall, bei dieser Distanz eine Dreiergruppe von Start bis fast Ende zu finden.
    Ich hoffe, du bist mittlerweile wieder gut erholt und kannst dich in Ruhe auf den Mauerweg vorbereiten.

    1. Danke lieber Marcus,
      ich denke auch, dass wir alle drei ziemliches Glück hatten, gemeinsam laufen zu können.
      Ich bin gestern schon wieder 30km gelaufen und auch, wenn die letzten zehn ein bisschen zäh waren, bin ich sehr zufrieden mit mir 🙂

  2. Toller Bericht und Glückwunsch zum Ergebnis, Sub 10 ist ein Meilenstein! Aufgrund Deiner Umfänge und Splits im Training war abzusehen, das Du das packst, wenn im Bewegungsapparat alles rund läuft. Alles Gute für die weiteren Läufe dieses Jahr!

    1. Danke Dir, Christoph. Es war aber auch das Wetter, Hitze ist nicht gerade mein Freund. Ich muss aber sagen, dass ich insgesamt sehr zufrieden mit mir selbst bin. Ich hoffe, ich kann diesen Schwung mit nach Berlin nehmen!
      Tolle Leistung auch von Dir, sich da durchzukämpfen!

  3. Danke für den spannenden Bericht und Glückwunsch zu der sehr starken Leistung. Hut ab und viel Glück für den Rest des Lauffjahres 👍🏼🥳

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